Vereinsgeschichte von 1903 bis heute ……

Das Leben um 1900

Mit der Industrialisierung setzt eine extreme Bevölkerungsexplosion und die Abwanderung aus den ländlichen Gebieten ein. Deutschland hat gut 56 Millionen Einwohner, die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 40 – 50 Jahren. Die Industrialisierung führt zur Massengesellschaft der Arbeiter und der neuen Schicht der Angestellten. Bestimmend ist jedoch die gesellschaftliche Elite des Adels und des Militärs, sowie der Unternehmer. Arbeitsverhältnisse werden durch Tarifverträge geregelt, das Bürgerliche Gesetzbuch, das Handelsgesetzbuch und die novellierte Gewerbeordnung sind in Kraft. Es entstehen die neuen Realschulen, Landeserziehungsheime und die Frauenbildung setzt sich immer mehr durch. Das Familienleben ändert sich, der Tagesablauf wird von der Arbeit an den Maschinen bestimmt, die wöchentliche Arbeitszeit beträgt oft mehr als 60 Stunden, Frauen arbeiten meist im Haus. Die Zuwanderung führt in den Städten zu einem Wohnungselend, riesige Massenquartiere und Mietskasernen entstehen, durch die Schichtarbeit teilen sich mehrere Personen ein Bett. Neben den bürgerlichen Geselligkeiten entwickelt sich ein ausgeprägtes Vereinsleben der Turn-, Gesangs-, Krieger- und Fußballvereine.

(Quelle: Chronik der Deutschen, Weltbildverlag 1996)

Rothenburgsort und Hammerbrook

sind die Stadtteile, in denen der Sportclub GOLIATH im Jahre 1903 seinen Anfang nahm. Hier ein kleiner Rückblick auf die damalige Zeit:

Der Name Rothenburgsort ist auf die Familie Rodenborg zurückzuführen, die vom 16. bis 18. Jahrhundert dieses Gebiet bewohnte und dessen Anwesen Basis für den heutigen Traunspark ist. Seit 1894 ist Rothenburgsort Stadtteil von Hamburg, um die Jahrhundertwende leben hier etwa 40.000 Menschen. Im Stadtteil gibt es 4 Volksschulen, ab 1914 auch eine Realschule an der Marckmannstraße. Hier steht auch das Kinderkrankenhaus. Da in Rothenburgsort 1892 die Cholera ihren Anfang genommen haben soll, werden durch bautechnische Maßnahmen große Anstrengungen unternommen, dies für die Zukunft zu verhindern.

Billhorner Röhrendamm, Billhorner Deich, Vierländerstraße (um 1906) (Quelle:Rothenburgsort und Veddel im Wandel, Media-Verlag 1992)
Billhorner Röhrendamm, Billhorner Deich, Vierländerstraße (um 1906) (Quelle:Rothenburgsort und Veddel im Wandel, Media-Verlag 1992)

Der riesige Güterbahnhof prägt den Stadtteil, schafft Arbeitsplätze und lässt Rothenburgsort durch eine immer bessere Verkehrsanbindung (1909 die Linie 35 nach Veddel, 1915 eröffnet die Hochbahn eine Strecke der innerstädtischen Nahverkehrsbahn) immer mehr an das restliche Stadtgebiet heranwachsen. Zwischen den zwei Weltkriegen lautet das Ziel der Stadtplaner, Rothenburgsort vom tristen Arbeiterquartier mit unansehnlicher Bebauung zu einem menschenfreundlichen Stadtteil umzugestalten.

Barmbek

ist der Stadtteil, in dem 1921 der BKSV gegründet wurde. Auch hier einen kleinen Sprung in die früheren Zeiten:

Seit 1894 ist auch Barmbek Stadtteil von Hamburg, die Bevölkerungszahlen steigen sprunghaft an. Wie auch in Hammerbrook und Rothenburgsort herrscht hier reger Zulauf aus den engen Höfen des Kehrwieder und der dort angrenzenden Straßen. Die Einrichtung des Freihafens dort zieht die Umsiedelung von etwa 20.000 Menschen nach sich. Inzwischen leben in Barmbek über 38.000 Menschen, es entstehen die so genannten Terrassen, meist feuchte, lichtlose Hinterhof-wohnungen, eine Bauweise, die besonders in der Hamburger Straße und ihren linken Nebenstraßen vorherrscht. Die rechte Seite dagegen entwickelt sich ganz anders, es entstehen hier Einzelhäuser und Villen, wie z.B. in der Richard- und der Wagnerstraße.

Viadukte der Hochbahn am Barmbeker Marktplatz (1912) (Quelle:Das alte Barmbek, Christiansverlag 1976)
Viadukte der Hochbahn am Barmbeker Marktplatz (1912) (Quelle:Das alte Barmbek, Christiansverlag 1976)

Bedingt durch das starke Bevölkerungswachstum wird Ackerland ganz schnell mit Häusern bedeckt, die Bausünden der Vergangenheit bedenkenlos wiederholt, bis sich endlich Bauge-nossenschaften gründen und den späteren Bewohnern Unterkünfte mit viel Luft, Licht und Sonne garantieren. Bis zum Ausbruch des 2. Weltkriegs entwickelt sich die Hamburger Straße ( um 1906 fährt hier die Linie 8 der elektrifizierten Straßenbahn ) zu einem Geschäftszentrum ersten Ranges, große Kaufhäuser wie Karstadt, Heilbutt, Toedt, Produktion und Epa siedeln sich hier an. Viele der 1901-03 gebauten Häuser fallen jedoch dem 2.Weltkrieg zum Opfer.

Vereinsgeschichte vor 1933

Seit der Zeit der Turnjahre ab 1811 gab es nur Vereine für das Geräte und Bodenturnen. Aus diesen entwickelten sich in den folgenden Jahren die einzelnen Sportverbände der verschiedenen Sparten, dazu gehörten Fechten, Schwimmen, Leichtathletik, Tennis, sowie Schlag-, Hand-, Faust- und Hockeyspiele.

Die Mitglieder dieser Vereinigungen bestanden in der Kaiserzeit vorwiegend aus Selbstständigen, Beamten, Studenten und Offizieren, also der besser gestellten Gesellschaft, den “Bürgerlichen”.

In den schon bestehenden Radfahrer-, Ringer-, Akrobaten- und Gewichthebervereinigungen kamen die Aktiven in diesen Leistungssportarten vorwiegend aus Arbeiterkreisen. Dies konnte man auch in den um die Jahrhundertwende entwickelten Box- und Fußballsparten beobachten.

Durch die im Jahre 1869 gegründete Sozialdemokratische Arbeiterpartei bildete sich neben der seit 1816 bestehenden Deutschen Turnerschaft, der Arbeiter-Turnbund von 1893. Etwas später nannte er sich Arbeiter- Turn- und Sportbund. Die Vorsitzenden waren bis zum Verbot 1933 Wildung und Gellert, wobei Wildung der Vater der ehemaligen Bundestagspräsidentin Annemarie Renger (1972-76) war.

Der Sportclub GOLIATH von 1903 gehörte diesem Verband bis 1933 an, der BKSV von 1921 bis 1928.

Durch die wirtschaftliche Entwicklung von 1919 bis 1933, – Erwerbslosigkeit, Armut, Inflation -, spaltete sich 1928 der Arbeiter- Turn- und Sportbund in die kommunistische und die sozialdemokratische Richtung und es entstand neben dem Arbeiter- Turn- und Sportbund nun die Kampfgemeinschaft für rote Sporteinheit “Rot Sport” genannt.

Der BKSV schloss sich nach einem Versammlungsbeschluss daraufhin der links stehenden Sportvereinigung an, was nicht heißen soll, dass alle Mitglieder kommunistische Interessen vertraten, sondern es ging hier um die sportliche Vereinsverbundenheit.

Eines war für alle Sportler in den verschiedenen Sparten dieser Vereine ausschlaggebend: nicht die sportliche Leistungen, sondern der freundschaftliche Kontakt, der Mensch, die Gemeinschaft standen im Vordergrund.

Sportclub GOLIATH von 1903

Der Sportclub GOLIATH von 1903 war im Stadtteil Hammerbrook-Rothenburgsort beheimatet und machte seinem Namen alle Ehre. Bedingt durch die Industrie und das angrenzende Hafengebiet kamen die Mitglieder meist aus Arbeiterkreisen. So konnten die Gewichtheber schon vor 1914 große Erfolge bei den Meisterschaften verbuchen, die Ringer hatten einen Deutschen Meister im Schwergewicht. Vor allem aber der Rasensport hatte viele Anhänger, Stein- und Kugelstoßen sowie die Sparte Tauziehen waren bis 1933 sehr beliebt und stark vertreten. In den Norddeutschen Meisterschaften standen sie stets im Vordergrund und konnten viele Meisterschaften für den Verein gewinnen.

Der geringe Turnhallenbestand im Gegensatz zu der Vielzahl der Vereine zwang GOLIATHdazu, für seine Übungsabende zuerst in den Clubraum “Goethe” am Billhorner Röhrendamm, dann bis 1920 in die bekannte Gaststätte “Badekrug” am Heidenkampsweg gegenüber der ausgebombten Badeanstalt zu wechseln.

Billhorner Röhrendamm Ecke Billhorner Mühlenweg, um 1907 (Quelle:Das alte Barmbek, Christiansverlag 1976)
Billhorner Röhrendamm Ecke Billhorner Mühlenweg, um 1907 (Quelle:Das alte Barmbek, Christiansverlag 1976)

Nach dem 1.Weltkrieg 1918 wurde das Training mit einem kleinen Kreis ehemaliger Mitglieder wieder aufgenommen, ab 1920 stand dann auch eine Schulturnhalle in der Sachsenstraße zur Verfügung. Damit veränderten sich auch die Erfolge in den Sparten. Konnten vorher die Gewichtheber mit Norddeutschen Meistern aufwarten, so verbuchte nun die Ringersparte noch größere Erfolge.

Bis 1933 stand die Mannschaft dreimal an 2. Stelle bei den Deutschen Meisterschaften. In Frankfurt am Main wurde vom 24. – 28. Juli 1925 die erste Internationale Arbeiter-Olympiade ausgetragen, bei der der Bantamgewichtler Joneleit die goldene Olympia-Medaille gewann. Im Federgewicht holte sich Rostowskie den 2. Platz. Nur der dritte Teilnehmer Mittelgewichtler Zech konnte sich leider nicht behaupten.

Der Sportclub GOLIATH konnte aber weiterhin die Beständigkeit seiner Leistungen unter Beweis stellen und bis zu seinem Verbot durch die Nationalsozialisten 1933 dreimal die Deutsche Vizemeisterschaft mit der Ringermannschaft gewinnen.

Unvergessen von den ehemaligen Verehrern der Schwerathleten blieben die Kämpfe gegen die stärksten Rivalen, die Ringermannschaft des Sportclubs Hansa. Ihre Wirkungsstätte war die Schulturnhalle Oberaltenallee in Barmbek. Standen sich diese beiden Mannschaften gegenüber, war die Halle durch die Leistungen vieler namhafter Aktiven ständig gut gefüllt.

BKSV von 1921

Der Verein BKSV von 1921 hatte in der Schulturnhalle Schleidenstraße, in der er bis 1928 trainierte, seine Anfangserfolge. Die langjährige Vereinsführung von Waldemar Zinow, deren Nachfolger “Fiete” Friedrich Michelsen und Karl Hacker sowie auch das sportliche und menschliche Verhalten der Spartenleiter trugen dazu bei, dass der Verein im Sportgeschehen durch vollbrachte Leistungen viel Anerkennung fand. Seine Mitgliederzahlen stiegen in der Zeit bis auf etwa 250 Aktive an.

Nach der Verbandsspaltung 1928 wurden nun allen links stehenden Vereinen die Schulturnhallen und Sportplätze durch einen Regierungsbeschluss entzogen. Diese Vereine mussten nun ihre Trainings- und Sportveranstaltungen auf den Tanzflächen größerer Lokalitäten durchführen.

Die Fuß- und Handballer trugen ihren Sport auf der Stadtparkwiese oder dem Heiligen Geistfeld aus.

Auch der BKSV musste sich ein neues Quartier suchen, verbuchte aber weiterhin seine Erfolge dann im “Ballhaus Godemann” beim Alten Schützenhaus. So waren die Ringer-, Heber- und Jiu-Jitsu-Mannschaften immer sehr erfolgreich, genauso wie die leistungsstarke Boxmannschaft, die bei den Deutschen Mannschaftsmeisterschaften meist vordere Plätze belegte.

Schleidenplatz in Barmbek.Hinten links die 1912 fertiggestellte Volksschule Schleidenstraße (Quelle: Das alte Barmbek, Christiansverlag 1976)
Schleidenplatz in Barmbek.Hinten links die 1912 fertiggestellte Volksschule Schleidenstraße (Quelle: Das alte Barmbek, Christiansverlag 1976)

Große Anerkennung fand auch die Vielzahl von Akrobatengruppen, die bei Meisterschaften stets im Vordergrund standen. Auch die Mädel und Frauen der Gymnastikabteilung hatten sich beim Publikum viel Sympathie erworben. Die Wandergruppen, Kinder-, Jugendlichen- und Erwachsenengruppen beiderlei Geschlechts förderten die Gemeinschaft. So muss man auch unbedingt die Mandolinengruppe hier erwähnen, die bei Wanderungen oder Festlichkeiten mit ihren volkstümlichen Klängen von allen Anwesenden stets begeistert mit gemeinsamen Gesang begleitet wurde.

Die Leichtathleten, Hand- und Faustballer hatten gegen die Konkurrenz immer einen schweren Stand, diese Sparten waren aber auch nicht so stark vertreten.

Durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurden alle Arbeitersportbewegungen verboten. Als Gegner des Dritten Reichs wurden viele Aktive aus beiden Sportvereinen inhaftiert und einige verloren sogar ihr Leben.

Mädel und Frauen der BKSV-Gymnastikabteilung
Mädel und Frauen der BKSV-Gymnastikabteilung

Vereinsgeschichte nach 1933

Der Zufall wollte es, dass Karl Brunst vom Sportclub GOLIATH durch die größtenteils zerstörten Straßen von Barmbek ging und somit auch an der ehemaligen Trainingsstätte desBKSV, das “Ballhaus Godemann” beim Alten Schützenhaus, vorbei kam. Dort traf er Adolf Schäfer vom BKSV, der in dem leicht zerstörten Gebäude nach Hanteln und sonstigen Geräten für Kraftsportler suchte (nach dem Vereinsverbot 1933 hatten sie dort ihre Trainingsgeräte aufbewahrt).

Dieses schicksalhafte Zusammentreffen so wie das Verlangen wieder sportlich aktiv zu sein und die alte Garde wieder zusammen zu bringen, führte am 1. März 1948 im Lokal zur “Jagdhütte” zur Gründungsversammlung mit 16 ehemaligen Mitgliedern.

Aus den beiden ehemaligen Vereinen wurde so die Barmbeker Kraftsport -Vereinigung “GOLIATH” von 1903 e.V..

Die Schulturnhalle in der Genslerstraße stand als erste Trainingsstätte zur Verfügung und am 1. April des Jahres startete die Ringerabteilung mit ihrem ersten Übungsabend. Da in der Turnhalle nur Kokosmatten vorhanden waren, mussten die Männer – nur in Hosen bekleidet – auf dieser stacheligen Unterlage unter primitivsten Verhältnissen trainieren. Aber die Mühen wurden bald belohnt, nach ihren Anfangserfolgen in der B-Gruppe in der Norddeutschen Mannschaftsmeisterschaft ( inzwischen auf selbst gebastelten Ringermatten ), stiegen sie bald in die A-Gruppe auf und behaupteten sich ständig auf dem 1. Platz.

Das Wochenprogramm in der Turnhalle verteilte sich nach einiger Zeit auf die Jiu-Jitsu-Sparte, Boxer, Ringer, Gewichtheber und Akrobaten. Doch durch den Umbau der Turnhalle musste die Trainingsstätte für einige Zeit aufgegeben werden, was für die Boxsparte einem Fiasko gleich kam. Zuerst zogen sie nach Fuhlsbüttel in die Schulturnhalle am Rathsmühlendamm, leider folgte die sonst begeisterte Anhängerschar nicht. Später wurde die Sparte ins Haus der Jugend im Flachsland wieder zurück nach Barmbek verlegt, aber auch hier verringerte sich der ehemals große Bestand der boxfreudigen Mitglieder immer weiter, so dass diese Sparte sich dann auflöste. Die Jiu-Jitsu-Sparte, zwischenzeitlich auch im Haus der Jugend untergebracht, fand seine neue ständige Wirkungsstätte dann in der Turnhalle der Schule im Wittenkamp. Hier wurde dann auch das Training für Aikido, Judo, Ballspiele, Gymnastik und die Selbstverteidigung für Damen und Herren mit aufgenommen.

Die Judoabteilung trainierte bald auch in der Herthastraße in Bramfeld im Haus der Jugend und in der Gymnastikhalle der Schule Hermannstal in Horn.

Mangels Beteiligung trennte sich der BKSV GOLIATH von seinem traditionsmäßigen Kraftsport, so wurden die Sparten der Ringer, Gewichtheber und Akrobaten aufgelöst.

Als nach dem Umbau der Halle Genslerstaße dort der Trainingsbetrieb auch für die Boxsparte wieder aufgenommen werden sollte, musste der Verein einen “knock out” nicht in sportlicher Hinsicht, aber durch Bauplaner und Behörden hinnehmen, die vergessen hatten, Unterstellmöglichkeiten nicht nur für die großen Jiu-Jitsu- und Ringermatten, sondern auch für den Boxring zu schaffen. Die Vereinsführung überwandt diese Zeit mit der Gründung der neuen Karatesparte, ein japanischer Kampfsport, der keine Matten erfordert.

Ob Erfolge oder Niederlagen, durch den persönlichen und gemeinschaftlichen Einsatz aller damals etwa 200 Mitgliedern, inzwischen aus allen Berufs- und Gesellschaftsschichten, konnte der Verein auch diese Krisenzeit überstehen.

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Festzeitschrift zum 100 jährigen Bestehen des BKSV
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